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Denkfabrik

Große, klobige Pixel – neue schlichte Animation


Inhaltsverzeichnis

Wyld File

Wyld File verwendet Flash®, um gepixelte Musikvideos zu produzieren, die teils Spielhallen-Spiele, teils formloser Überschwang sind. Die Gruppe wurde 2004 von zwei Künstlern gegründet, die einen separaten Namen schaffen wollten, unter dem sie Musikvideos für Künstler wie Beck, The Gossip und Islands machen konnten. Der in Massachusetts wohnhafte Ben Jones ist Künstler, Musiker und Mitglied der dreiköpfigen Kunstkollektive Paper Rad. E*Rock aus Portland, Oregon, ist Musiker, Künstler und Inhaber der Plattenfirma Audio Dregs. Beide beschäftigen sich seit Ende der 90er mit Online-Animationen und haben sich jeweils aufgrund ihrer psychedelischen Bilder und abenteuerlustigen Verwendung von Flash einen Namen gemacht. E*Rock sieht die Stärke seiner Zusammenarbeit mit Jones, die mit den Beck-Videos begann, in ihren gemeinsamen Interessen. „Gewisse Themen standen einfach im Vordergrund. Wir interessieren uns beide sehr für ganz spezielle Sparten der Popkultur und feinen Künste: psychedelische Animation, Pixelanimation, frühe Videospielstile, bestimmte Musikarten … jede Menge Überschneidungen. Wir haben kein großes Interesse daran, ein rein kommerzielles Ziel zu verfolgen, daher nehmen wir nur angemessene Projekte an. Aber die Herausforderung, für andere Musikvideos zu machen, ist trotzdem schön.“

Beck-Video

Abb. 2: „Gameboy Homeboy“ ist ein von Wyld File animiertes Musikvideo für Beck. Diese Reihe von Videos wurde für die Gameboy-artigen 8-Bit-Remixes von Titeln seines letzten Albums „Guero“ entwickelt.

Das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit sind Videos wie „Gameboy Homeboy“ (eine B-Seite von Becks Album „Guero“ von 2005), eine raue Reise durch die urbane Landschaft à la Wyld: flache, symbolhafte Figuren, die Videospielen nachempfunden sind und sich mit der witzigen Steifheit von Papierpuppen bewegen, eine durchgängige 2D-Perspektive und pulsierende Neonfarben. All dies wurde in Flash erstellt, einem Programm, das ursprünglich für die Online-Nutzung konzipiert war und definitiv nicht für Fernsehausstrahlungen. Beide Partner begannen Ende der 90er, Flash aufgrund der Einfachheit und Vielseitigkeit des Programms zu verwenden. Da beide Künstler ihre Wurzeln in der Zine-Kultur haben, waren sie für die DIY-Qualitäten von Flash prädisponiert. Ein Künstler kann eine Vektorgrafik schnell rendern und animieren und so die Lücke zwischen Konzept und Ausführung schließen. Und auf verschiedenen praktischen Ebenen vereinfacht Flash die Synchronisierung von Sound und Bildern. Verschiedene Grafikelemente lassen sich schnell und einfach schichten und die Dateien sind kompakt genug, damit sie per E-Mail hin- und hergeschickt werden können. Jones und E*Rock senden sich ständig gegenseitig Videostücke per E-Mail, wenn sie an verschiedenen Standorten am gleichen Projekt arbeiten.

Video-Standbild

Abb. 3: „Bad Cartridge“ ist das zweite von Wyld File animierte Musikvideo für Becks Gameboy-Remix-Reihe.

Auf konzeptueller Ebene testet Ben Jones gern die Grenzen eines Programms und setzt es gegensätzlich zu den üblichen Funktionen ein. „So wird es untechnisch und das bedeutet Grenzen. Wenn Sie ein Programm verwenden, um dessen Grenzen aufzuzeigen, bringen Sie das Innere des Programms ans Licht – die Funktionsweisen.“ Jones und E*Rock steuern die Produkte der Technologie, anstatt dass die Technologie ihre Produkte steuert. Kompromisse hinsichtlich ihrer Fortschrittsvorstellungen oder Regeln des Mediums kommen bei ihnen absolut nicht in Frage. „Wahrscheinlich muss man bei normalen Animationen bestimmte Stilregeln befolgen“, sagt E*Rock, „aber wir können das Beste aus Pixel- und Vektoranimationen verwenden und ganz nach Gefühl kombinieren.“ Das Ergebnis dieser Freiheit ist eine visuelle Dissonanz, die dem Betrachter eigene kreative Verbindungen zugesteht. „Sagen wir es mal so“, meint Jones, „die primitive Bewegung von Mario, wenn er in die U-Bahn springt, beeindruckt mich mehr als Ren oder Stimpys übertriebenes Blinzeln.“ Der visuelle Beweis technologischer Grenzen an sich kann inspirieren. Der einfache Beweis technologischer Macht dagegen nicht. „Vermutlich rufen unsere Videos eine gewisse Dosis Zweifel hervor“, sagt E*Rock, „da wir nichts Realistisches kreieren oder 3D-Modelle oder dergleichen verwenden.“ Der hochmodellierte Realismus von Pixar lässt der Fantasie keinen Spielraum und beraubt den Betrachter einer besonders angenehmen Art des Geheimnisvollen, durch das sich die beste Kunst so oft auszeichnet.