Technologie kann entweder ihrem ursprünglichen Zweck entsprechend verwendet oder vollkommen zweckentfremdet werden. Mit jeder neuen Entwicklung treffen wir eine neue Entscheidung. Spielen Sie auf der E-Gitarre einfach Akustikmusik, nur ein bisschen lauter? Oder verwenden Sie Verzerrungspedale und spielen mit Ihren Zähnen Gitarre? Dies sind wichtige Überlegungen. Die moderne Animation wurde Hals über Kopf in einen Fortschritt gestürzt, bei dem die verfügbare Technologie maximal ausgeschöpft werden soll, um mit dem Medium immer realistischere Ergebnisse zu erzielen. Wenn Animationen fotorealistisch sein können, wenn Garfields Haare leicht wogen, während er mit der Stimme von Bill Murray einen langen Seufzer ausstößt, dann soll das wohl so sein. Nun, nicht unbedingt. Immer mehr Künstler verwenden Animation „falsch“, wobei sie absichtlich die Technologie nicht voll ausnutzen oder ihre normale Verwendung entfremden, um ihre eigenen Visionen zu verfolgen. Ihr Garfield hat nicht einmal Haare, sondern große, klobige Pixel.
Kreateure animierter Videos wie das Duo Wyld File und die Künstler Michael Bell-Smith und Cory Arcangel nutzen die verfügbare Technologie nur sehr sparsam. Nicht etwa, weil sie minimalistische Arbeiten bevorzugen, sondern weil sie ihre Ideen mit schlichten Methoden effektiver umsetzen können. Indem sie mehr mit weniger erreichen, helfen diese Künstler, digitale Animation als Bereich künstlerischer Erkundung zu definieren und nicht nur als Produkt der neuesten digitalen Werkzeuge. Sie wählen die Elemente, die sie verwenden möchten, ganz penibel aus.
Abb. 1: „Standing in the Way of Control“, ein Video von Wyld File für The Gossip. „Wir hatten nur eine Woche für die Konzeptentwicklung, das Filmen und die Animation.“
Wyld File verwendet Flash®, um gepixelte Musikvideos zu produzieren, die teils Spielhallen-Spiele, teils formloser Überschwang sind. Die Gruppe wurde 2004 von zwei Künstlern gegründet, die einen separaten Namen schaffen wollten, unter dem sie Musikvideos für Künstler wie Beck, The Gossip und Islands machen konnten. Der in Massachusetts wohnhafte Ben Jones ist Künstler, Musiker und Mitglied der dreiköpfigen Kunstkollektive Paper Rad. E*Rock aus Portland, Oregon, ist Musiker, Künstler und Inhaber der Plattenfirma Audio Dregs. Beide beschäftigen sich seit Ende der 90er mit Online-Animationen und haben sich jeweils aufgrund ihrer psychedelischen Bilder und abenteuerlustigen Verwendung von Flash einen Namen gemacht. E*Rock sieht die Stärke seiner Zusammenarbeit mit Jones, die mit den Beck-Videos begann, in ihren gemeinsamen Interessen. „Gewisse Themen standen einfach im Vordergrund. Wir interessieren uns beide sehr für ganz spezielle Sparten der Popkultur und feinen Künste: psychedelische Animation, Pixelanimation, frühe Videospielstile, bestimmte Musikarten … jede Menge Überschneidungen. Wir haben kein großes Interesse daran, ein rein kommerzielles Ziel zu verfolgen, daher nehmen wir nur angemessene Projekte an. Aber die Herausforderung, für andere Musikvideos zu machen, ist trotzdem schön.“
Abb. 2: „Gameboy Homeboy“ ist ein von Wyld File animiertes Musikvideo für Beck. Diese Reihe von Videos wurde für die Gameboy-artigen 8-Bit-Remixes von Titeln seines letzten Albums „Guero“ entwickelt.
Das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit sind Videos wie „Gameboy Homeboy“ (eine B-Seite von Becks Album „Guero“ von 2005), eine raue Reise durch die urbane Landschaft à la Wyld: flache, symbolhafte Figuren, die Videospielen nachempfunden sind und sich mit der witzigen Steifheit von Papierpuppen bewegen, eine durchgängige 2D-Perspektive und pulsierende Neonfarben. All dies wurde in Flash erstellt, einem Programm, das ursprünglich für die Online-Nutzung konzipiert war und definitiv nicht für Fernsehausstrahlungen. Beide Partner begannen Ende der 90er, Flash aufgrund der Einfachheit und Vielseitigkeit des Programms zu verwenden. Da beide Künstler ihre Wurzeln in der Zine-Kultur haben, waren sie für die DIY-Qualitäten von Flash prädisponiert. Ein Künstler kann eine Vektorgrafik schnell rendern und animieren und so die Lücke zwischen Konzept und Ausführung schließen. Und auf verschiedenen praktischen Ebenen vereinfacht Flash die Synchronisierung von Sound und Bildern. Verschiedene Grafikelemente lassen sich schnell und einfach schichten und die Dateien sind kompakt genug, damit sie per E-Mail hin- und hergeschickt werden können. Jones und E*Rock senden sich ständig gegenseitig Videostücke per E-Mail, wenn sie an verschiedenen Standorten am gleichen Projekt arbeiten.
Abb. 3: „Bad Cartridge“ ist das zweite von Wyld File animierte Musikvideo für Becks Gameboy-Remix-Reihe.
Auf konzeptueller Ebene testet Ben Jones gern die Grenzen eines Programms und setzt es gegensätzlich zu den üblichen Funktionen ein. „So wird es untechnisch und das bedeutet Grenzen. Wenn Sie ein Programm verwenden, um dessen Grenzen aufzuzeigen, bringen Sie das Innere des Programms ans Licht – die Funktionsweisen.“ Jones und E*Rock steuern die Produkte der Technologie, anstatt dass die Technologie ihre Produkte steuert. Kompromisse hinsichtlich ihrer Fortschrittsvorstellungen oder Regeln des Mediums kommen bei ihnen absolut nicht in Frage. „Wahrscheinlich muss man bei normalen Animationen bestimmte Stilregeln befolgen“, sagt E*Rock, „aber wir können das Beste aus Pixel- und Vektoranimationen verwenden und ganz nach Gefühl kombinieren.“ Das Ergebnis dieser Freiheit ist eine visuelle Dissonanz, die dem Betrachter eigene kreative Verbindungen zugesteht. „Sagen wir es mal so“, meint Jones, „die primitive Bewegung von Mario, wenn er in die U-Bahn springt, beeindruckt mich mehr als Ren oder Stimpys übertriebenes Blinzeln.“ Der visuelle Beweis technologischer Grenzen an sich kann inspirieren. Der einfache Beweis technologischer Macht dagegen nicht. „Vermutlich rufen unsere Videos eine gewisse Dosis Zweifel hervor“, sagt E*Rock, „da wir nichts Realistisches kreieren oder 3D-Modelle oder dergleichen verwenden.“ Der hochmodellierte Realismus von Pixar lässt der Fantasie keinen Spielraum und beraubt den Betrachter einer besonders angenehmen Art des Geheimnisvollen, durch das sich die beste Kunst so oft auszeichnet.
Das Geheimnisvolle – die stillen, meditativen Fragen nach dem Wie und Warum – bilden den Mittelpunkt der Werke von Michael Bell-Smith. Der in Philadelphia ansässige Künstler stellt in der gleichen Galerie wie Paper Rad (Foxy Production) aus und entwickelt bewegliche Bilder auf dieselbe Weise wie Maler ihre Gemälde. Es handelt sich um vollständig konzeptualisierte Szenen, die in der Sprache seiner Generation umgesetzt werden: Pixel. Mit dem Medium Animation erstellt Bell-Smith Bilder, die Gemütszustände widerspiegeln, aber in einer Sprache, mit der wir seit dem Aufkommen von Videospielen und dem Internet überflutet werden. In „Self Portrait, NYC“, seinem Werk von 2006, steht ein Mann bewegungslos in einer Straße, während an ihm animierter Verkehr vorbeirauscht. Das Bild ähnelt einem Videospiel mit Gebäuden, die aus Pixeln bestehen. Es werden keinerlei Versuche unternommen, die digitalen Ursprünge zu verbergen. Daher ist das Bild eines einsamen digitalen Manns umso ergreifender und satirischer. Ergreifend aufgrund der Isolierung und satirisch aufgrund der absichtlich untechnischen Ausführung. Das Bild scheint uns mitzuteilen, dass wir trotz all dieser Technologie, trotz all dieser Menschen immer noch Menschen sind, die einzigartig sind und allein dastehen.
Abb. 4: Michael Bell-Smith, „Self Portrait, NYC“, 2006.
In seinem Bild „Self Portrait, NYC“ setzt Bell-Smith wie in vielen seiner anderen Werke Animation entgegen ihrem ursprünglichen Zweck ein. Dies soll natürlich eine Geschichte ausdrücken. Anstatt das Bild einem Handlungsplan zu unterwerfen, lässt Bell-Smith das Werk eine Idee erfüllen. „In meinen Werken nehme ich gerne Aspekte von Dingen und setze sie in einen neuen Kontext. Es ist ein Versuch, neue Räume zu schaffen, wo diese Aspekte mit neuen Augen gesehen werden können.“
In beiden Werken von Bell-Smith sehen wir Bilder, die uns bereits bekannt sind: ein Held, der einen Sonnenuntergang betrachtet, und ein Einzelgänger, der von einer vorbeihetzenden Menschenmenge abgesondert ist (ein häufig verwendeter Filmtrick). Wenn diese Aspekte außerhalb einer Geschichte neu erstellt und ein wenig verdreht werden, erhalten sie eine neue Bedeutung. Gleichzeitig bewegen und ändern sie sich jedoch. So wird uns der Eindruck vermittelt, dass sie zu einem größeren Ganzen gehören, einer Geschichte, einem Leben, einer Welt. Fast so, als ob der Betrachter einen Film zurückspult und sich den gleichen Moment immer wieder ansieht. „Ich bin überzeugt, dass Geschichten ihren Platz haben, und würde das auch für mich nicht ausschließen“, meint Bell-Smith. „Doch mein Interesse gilt eher Bildern und Gesten.“
Abb. 5: Michael Bell-Smith, „Continue, 2000“, 2005.
Bell-Smith arbeitet mit Software auf eine sehr viel primitivere Weise, als es eigentlich vorgesehen ist. Daher musste er Techniken entwickeln, die einige Funktionen umgehen, die die Software automatisch ausführt. „Manchmal scheint es lächerlich, so hart daran zu arbeiten, dass die Software Funktionen verliert. Aber für meine Arbeit ist das unerlässlich.“ Bei der Entwicklung von „Self Portrait, NYC“ setzte Bell-Smith zum Beispiel eigene Grenzen. Er behielt eine schlichte Ästhetik bei und zeichnete die Stadtlandschaft sogar von Hand, ein Pixel nach dem anderen, anstatt ein schnelles 3D-Rendering-Programm zu verwenden. Dies bewirkte, dass von der Hand des Künstlers ein anspruchsvolles digitales Werk entstand. Bell-Smith setzt die Werkzeuge nach seinen eigenen Vorstellungen ein. Seiner Meinung nach widerspricht die „Idee, dass digitale Bilder auf Realismus zusteuern müssen, den Erfahrungen aus der Kunstgeschichte. Würden wir Kunst auf diese Weise betrachten, wären alle Gemälde neoklassizistisch oder so. Und die meisten Softwareprogramme fördern diesen Ansatz voll und ganz. Es ist nicht einfach, das Niveau dieser Programme zu senken.“ Bei der Entwicklung seiner Bewegungseffekte muss er beispielsweise der Tendenz von After Effects entgegenwirken, automatisch ein „Phantombild“ einzufügen. Diese Funktion würde Stellen glätten, die Bell-Smith absichtlich grob lassen möchte. Es ist ein ständiger Dialog zwischen Künstler und Werkzeug, der zu anspruchsvollen und hypnotischen Ergebnissen führt.
Abb. 6: Michael Bell-Smith, „Some Houses Have Pools“, 2006.
Während Bell-Smith mit den Grenzen einer Softwareanwendung kämpft, hat es der Künstler Cory Arcangel auf den Computerchip selbst abgesehen. Der in New York ansässige Künstler Arcangel hat ein besonderes Geschick, elektronische Medien so zu verfremden, dass sie eine lustige und zugleich grandiose Wirkung haben. In seiner bahnbrechenden Animation „Super Mario Clouds“ (2002) isolierte er die Wolken aus einer Super Mario Brothers Nintendo-Cartridge. Das Ergebnis war eine Endlosschleife eines tiefblauen Himmels und treibender Wolken. Es ist ein verschwommenes, wunderschönes Kunstwerk, wie ein gemeinsamer Traum seiner gesamten Videospielgeneration. Vor kurzem arbeitete er zusammen mit Paper Rad an „Mario Movie“ (2005). Bei dieser etwas ehrgeizigeren Neugestaltung des Spiels entstand eine animierte Erzählung von Marios Welt, in der alles schief geht. Diesmal sind alle Grafikelemente mit dramatischer Wirkung umgestaltet, was von Arcangel so beschrieben wird: „Bildtitelbildschirme, verworrene Fantasiewelten, auf regenbogenfarbenen 8-Bit-Wolken schwebende Burgen, Wasserfälle, albtraumhafte Rave-Fluchten in Unterwasser-Verliesen, Dance-Partys, Szenen mit schwebenden/sprießenden Ebenen, Mario allein weinend auf einer Wolke …“
Abb. 7: Standbild aus „Mario Movie“, 2005, Cory Arcangel und Paper Rad.
Arcangel hat dies durch eine Änderung der Matrix des Spiels erreicht. Um die Elemente des Spiels zu beeinflussen, hat Arcangel sein eigenes Animationsprogramm entwickelt und damit die Grafiken bearbeitet. Diese wurden auf einen Chip gebrannt und dieser Chip wurde in der Original-Spiel-Cartridge von Nintendo installiert, so dass Marios Universum mechanisch neu konfiguriert wurde. Das Schöne an diesem Projekt ist, dass Arcangel und Paper Rad Marios Universum nicht verletzen. Innerhalb des bereits etablierten Mario-Systems kreieren sie ihre eigene animierte Geschichte. Mario macht nichts Außergewöhnliches und Arcangels Animationsprogramm verhält sich genau wie das Original, es gehorcht einfach nur einem anderen Meister. Bei diesem Ansatz geht Animation in das Reich der Bestimmung und des Materiellen über – und im Fall von Arcangels Chip-Manipulation und der Verwendung der ursprünglichen Cartridge-Konstruktion sogar in das Reich des Skulpturellen. Genau wie Bell-Smith und Wyld File arbeitet Arcangel gern mit Grenzen und lehnt sich gern gegen Fortschritt und technologisches Potenzial auf. Nach seinen Worten möchte er den Eindruck vermitteln, dass „die Cartridge nur ein bisschen staubig ist und nicht ganz richtig funktioniert.“ Eine weitere Ähnlichkeit mit Bell-Smith besteht darin, dass in Arcangels Werk seine künstlerische Hand zu spüren ist. In diesem Fall entstehen durch die Veränderung eines Objekts digitale Effekte. Beim Betrachten der zusammengestoppelten Nintendo-Cartridge und des darin enthaltenen Films spüren wir die Gegenwart von Menschen hinter den Kulissen. Dadurch wird das Potenzial handgefertigter Kunst in einem Medium enthüllt, in dem, wie Bell-Smith sagte, die Hand oft abwesend erscheint.
Natürlich ist die persönliche, handgefertigte und absichtliche Ästhetik, die diese Künstler anstreben, kein einzelnes Phänomen: sie ist eine direkte Folge der aktuellen Hinwendung zu handgefertigten Grafiken und der Rückkehr zu persönlicheren, handwerksorientierten Büchern, die in ganz Nordamerika aus dem Boden sprießen. Während die Vorstellungen von Fortschritt Künstler und Designer immer mehr zu einem unpersönlichen Ideal drängen, lehnen Künstler sich gegen diese Tendenz auf und bemühen sich, die Menschlichkeit ihrer geliebten Medien wiederzugewinnen. Das Überschreiten von Grenzen, das Untergraben von Programmen und das bewusste Zurschaustellen der eigenen Arbeit während des Prozesses sind sowohl eine ästhetische als auch eine persönliche Wahl: es geht darum, ganz im Sinne des Künstlers zu leben und zu gestalten. Ganz unabhängig vom Fortschrittspotenzial haben Kreateure wie Wyld File, Michael Bell-Smith und Cory Arcangel stets ein Auge auf dem Möglichen und ein Auge auf dem Notwendigen. Für diese Künstler ist es vollkommen in Ordnung, etwas falsch und schwierig zu machen.
Weitere Informationen über die in diesem Artikel besprochenen Künstler finden Sie auf ihren Websites: