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Denkfabrik

Weil man glaubt, was man sieht: Visualisierung von Informationen und die Diskussion über die Klimaerwärmung

David Womack

 

In seiner Kritik zum neuesten Film von Al Gore über die globale Erwärmung sagte Roger Friedman von Fox News: „Ob Sie Demokrat, Republikaner, Liberaler oder Konservativer sind, Ihre Meinung wird sich binnen einer Nanosekunde ändern.“ Dabei bezog er sich nicht auf Gore, wie er am Ufer eines gemächlich dahinströmenden Flusses über den Sinn des Lebens nachdenkt, oder auf Bilder von kollabierenden Gletschern oder von Eisbären, die auf der Suche nach dem verschwundenen Eis im offenen Ozean umherschwimmen. Er bezog sich auf ein bestimmtes Diagramm, das im Film zu sehen ist und die Temperaturschwankungen im Vergleich zum Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre in den vergangenen tausend Jahren zeigt. Ob Sie nun der in dem Film „An Inconvenient Truth“ (Eine unbequeme Wahrheit) aufgestellten Behauptung, dass sich die Erde durch den Einfluss des Menschen erwärmt, zustimmen oder nicht, hängt zu einem Großteil davon ab, wie Sie auf dieses eine Diagramm reagieren. Es überrascht nicht, dass dieses Diagramm und die darin enthaltenen Daten zu ausgedehnten Kontroversen geführt haben. Möglicherweise ist diese „Hockeyschläger-Grafik“, wie sie auf Grund ihrer charakteristischen Form genannt wird, eines der umstrittensten Beispiele grafisch dargestellter Informationen in der Geschichte der Wissenschaft.

Hockeyschläger-Grafik

Abb. 1: Die ursprüngliche „Hockeyschläger-Grafik“ aus dem dritten Bewertungsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change zeigt das Verhältnis zwischen der Temperatur und der Kohlendioxidkonzentration in den vergangenen 1000 Jahren.

Die Kritiker des Diagramms fahren schweres Geschütz auf. Die für die Originaldaten verantwortlichen Wissenschaftler wurden vor den Kongress zitiert, wo sie ihre Forschungsergebnisse verteidigen mussten. Ein Abgeordneter forderte sogar, die Bankunterlagen der Wissenschaftler auf Indizien für eine Bestechung zu untersuchen. Nicht nur die Daten selbst wurden unter die Lupe genommen, auch die Art der Darstellung wurde akribisch analysiert. In einem vom konservativen Heartland Institute veröffentlichten Artikel wird das Diagramm aus Gores Film als „Triumph der Datenmanipulation“ betrachtet. Neben anderen Kritikpunkten heißt es in dem Artikel, man könne nicht sagen, ob Erwärmungen einem Anstieg der Kohlendioxidkonzentration vorausgehen oder folgen. Außerdem sei die Skala entlang der vertikalen Y-Achse nicht eindeutig gekennzeichnet. Kaum jemals zuvor war ein Grafikdesign Gegenstand so intensiver Untersuchungen aus so vielen Blickwinkeln und von so vielen Mitspielern.

Bild einer Folie

Abb. 2: Eine Folie aus Al Gores Präsentation.

Aber warum so viel Wirbel um ein einziges Diagramm? Mittlerweile gibt es bestimmt Millionen wissenschaftlicher Berichte über die Klimaveränderung und doch fahren Nachrichtenagenturen und Experten fort, sich ausgerechnet über die „Hockeyschläger-Grafik“ zu streiten. Nancy Duarte und Jill Martin von Duarte Design, der Firma, die seit 2003 die in Al Gores Film gezeigten Präsentationen entwirft und verfeinert, lehnen zwar einen Kommentar zum Diagramm selbst ab, äußern sich jedoch zu den Ursachen der geradezu obsessiven Beschäftigung mit der Grafik. „Unser Gehirn ist darauf programmiert, Eindrücke zunächst visuell und erst dann verbal zu verarbeiten“, so Duarte. Bei der Zusammenstellung von Grafiken für eine Präsentation „besteht das Ziel in einer sofortigen Informationsvermittlung. Man will eine unmittelbare Wirkung erzielen.“ Genau das ist dann die „Nanosekunde“, auf die sich Roger Friedman in seiner Kritik bezog. Bilder und Grafiken erzielen diese unmittelbare Wirkung, und wenn wir die Wahl zwischen Bildern und Worten haben, dann schauen wir immer zuerst auf die Bilder. Eine vor kurzem durchgeführte Umfrage der National Science Foundation zeigt, dass die Botschaft bei den Amerikanern angekommen ist: Über 90 % der erwachsenen US-Bürger haben bereits von der globalen Erwärmung gehört. Die Mehrheit betrachtet sie als „ernstes oder sehr ernstes“ Problem. Diese Werte sind besonders beeindruckend angesichts des allgemein geringen wissenschaftlichen Bildungsstandes: 50 % der erwachsenen US-Bürger wissen nicht, wie lange die Erde für eine komplette Umkreisung der Sonne benötigt.

Nach Auffassung von Duarte Design liegt der Schlüssel für eine wirkungsvolle Grafik darin, eine ausreichend überzeugende Menge an Details darzustellen, ohne von der Hauptaussage abzulenken. „Allgemein sollten die visuellen Eindrücke möglichst gering gehalten und störende Einflüsse aus dem Hintergrund eliminiert werden, um die eigentlich wichtige Aussage hervorzuheben.“ Wenn die Kernaussage hingegen zu aufdringlich präsentiert wird, leidet möglicherweise die Glaubwürdigkeit.

Alternatives Diagramm

Abb. 3: Aus diesem alternativen Diagramm geht hervor, dass die Temperaturen heute niedriger sind als während der mittelalterlichen Warmperiode. Von John Daly.

Die oben dargestellte Grafik wurde von Skeptikern der globalen Erwärmung präsentiert. Sie soll verdeutlichen, dass die Temperaturen im Grunde nicht steigen. Da dieses Diagramm nicht so viele Details zeigt wie die „Hockeyschläger-Grafik“, wirkt sie weniger glaubwürdig, weniger „wissenschaftlich“, ganz unabhängig von der Gültigkeit der zu Grunde liegenden Daten. Die Klimaerwärmung scheint uns ein komplizierter Vorgang zu sein, daher erwarten wir, dass Diagramme zu diesem Thema ähnlich kompliziert sein müssen. Wie Edward Tufte feinsinnig bemerkte, ist weniger oft zu wenig, wenn es um die Visualisierung von Informationen geht. Daher sollten Designer immer genau überlegen, ob es sich lohnt, eine gewisse Komplexität zu Gunsten der Klarheit zu opfern. „Gute Grafiken mit komplexen Informationen setzen viele Einzelinformationen so zueinander in Beziehung, dass die Kernaussage übermittelt wird, ohne auf Details zu verzichten oder das Konzept zu stark zu vereinfachen“, sagt Martin. „Vielmehr finden sie ein Gleichgewicht zwischen der Aussageintention und dem Datengehalt eines Streitgegenstandes und wirken daher belastbarer und interessanter.“ Obwohl die Kritiker der „Hockeyschläger-Grafik“ verschiedene andere Darstellungen eingebracht haben, sind nur wenige visuell so überzeugend wie das Original. Die unten dargestellte vereinfachte Grafik, der identische Daten zu Grunde liegen, dürfte nur diejenigen überzeugen, die ohnehin schon glauben, dass die aktuelle Klimaerwärmung Teil des natürlichen Zyklus ist.

Vereinfachte Grafik

Abb. 4: Aus dieser vereinfachten Grafik geht hervor, dass die Temperaturen heute niedriger sind als während der mittelalterlichen Warmperiode. Von David Wojick, PhD.

Neue Sichtweisen des Klimawandels

Visualisierung von Informationen kommt nicht nur zum Einsatz, wenn Erkenntnisse der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Sie sind auch unter Wissenschaftlern ein sehr wichtiges Werkzeug, mit dem sich Umweltveränderung globalen Ausmaßes erschließen lassen. Bei einer großen Menge von Einzeldaten hilft oft nur ein Bild, um sich ein Bild von der Gesamtsituation zu machen. Im Laufe dieses Prozesses wird der vertraute Anblick des Globus mit Farben und Mustern überblendet. Das dabei entstehende Bild bietet eine Mischung aus fremdartigen und vertrauten Eindrücken. Viele umweltrelevante Prozesse laufen zu langsam ab oder sind zu vielen einander beeinflussenden Variablen unterworfen, als dass sie ohne bildliche Darstellung verständlich wären. „Bei der wissenschaftlichen Visualisierung von Daten ist es möglich, komplexe Prozesse zu simulieren. So können Zeitabläufe vorwärts und rückwärts in jeder Geschwindigkeit dargestellt und Daten nach Belieben umgewandelt oder gefiltert werden. Sie können z. B. Bereiche, in denen die Abweichung bestimmter Vektorfelder einen Grenzwert überschreitet, hellgrün hervorheben“, erläutert Chris Henze.

ECCO-Projekt

Abb. 5: Das NASA-Projekt „Estimating the Climate and Circulation of the Ocean“ (ECCO) Animation abspielen*

Chris Henze ist der technische Leiter der Visualisierungsabteilung in der Advanced Supercomputing Division des Ames Research Center der NASA. Mit seinem Team aus Wissenschaftlern und Technikern konvertiert er Daten, die über Jahre hinweg mit Hunderten oder Tausenden von Instrumenten rund um den Globus erfasst wurden, in ein Bild bzw. in eine Abfolge von Bildern, deren Betrachtung nur wenige Minuten in Anspruch nimmt. Bei so komplexen Entwicklungen wie dem Klimawandel ist es unbedingt notwendig, Raum und Zeit in komprimierter Form darzustellen. Eine solche Komprimierung liegt vor, wenn Informationen aus 1000 Jahren in einem einfachen Koordinatensystem zusammengefasst werden – wie in der „Hockeyschläger-Grafik“. Der Unterschied zwischen reiner Datensammlung und der Visualisierung von Informationen liegt darin, dass im ersten Fall die Erscheinungsform des dargestellten Systems erhalten bleibt, während im zweiten Fall eine räumliche Dimension hinzukommt, die so in natura nicht existiert.

Unter der Leitung von Dr. Robert Atlas vom Laboratory for Atmospheres im Goddard Space Flight Center prognostizieren die Mitarbeiter der Finite Volume Circulation Modeling Group mit Hilfe von Visualisierungen bis zu fünf Tage im Voraus, wann ein Hurrikan auf Land trifft. Auf Basis von Simulationen für die Hurrikans Frances, Ivan und Jeanne kann das Team den genauen Ort der Landberührung auf einen Radius von 100 km einschränken und auch die Stärke des Sturms drei bis fünf Tage im Voraus berechnen. Beim Hurrikan Ivan konnte fünf Tage im Voraus präzise vorhergesagt werden, dass es sich um einen Sturm der Kategorie IV auf der Saffir-Simpson-Skala handeln und dass er an der Golfküste Alabamas als Sturm der Kategorie III auf Land treffen würde.

Wolkenstrukturen

Abb. 6: Bild mit Wolkenstrukturen aus dem Projekt Finite-volume General Circulation Model (fvGCM) der NASA. Animation abspielen*

Für sich allein genommen kann jedoch auch die anspruchsvollste Visualisierung wirkungslos sein. Wie Edward Tufte in seinem Buch „Visual Explanations“ erläutert, trägt die Darstellung von mehreren Bildern nebeneinander dazu bei, „multivariable Prozesse zu überblicken und zu analysieren. Da Bildabfolgen einen schnellen, zeitgleichen Blick auf einen kontinuierlichen Fluss unterschiedlicher Messdaten ermöglichen, tragen sie dazu bei, die relevante Kernaussage herauszufiltern...“ Eines der bei der NASA verwendeten Visualisierungstools ist die so genannte „Hyperwall“, eine quadratische Wand aus 7 Reihen mit je 7 großen Flachbildschirmen, die jeweils von einem eigenen Computer mit Dual-Prozessor gesteuert werden und mit einer High-End-Grafikkarte ausgestattet sind. Mit Hilfe dieser Wand können die Forscher mehrdimensionale Datensätze darstellen, untersuchen und analysieren. Die Darstellung der Daten lässt sich über verschiedene Werkzeuge, Blickwinkel und Parameter feinjustieren. Die gleichzeitige Darstellung mehrerer Sichtweisen der Daten vermindert das Risiko, dass eine bestimmte Art der Visualisierung zu Fehlinterpretationen führt. Wenn sehr große Darstellungen erforderlich sind, kann jeder der 49 Computer Daten im Zusammenspiel mit den anderen verarbeiten und anzeigen, sodass auf der ganzen Wand ein einziges riesiges Bild zu sehen ist.

Wassertemperaturen der Ozeane

Abb. 7: Diese beiden Bilder aus dem ECCO-Projekt zeigen die unterschiedlichen Wassertemperaturen an der Oberfläche der Ozeane (oben) und in 160 Metern Tiefe (unten).

Eine der Hauptsorgen der Klimaforscher besteht darin, dass der Zufluss warmen Wassers in die arktischen Regionen die Meeresströmungen unterbricht, die zur Regulierung der globalen Temperatur beitragen. Eine Unterbrechung dieser Meeresströmungen könnte das Abschmelzen der polaren Eiskappen stark beschleunigen, was wiederum zu einem dramatischen Anstieg des Meeresspiegels führen würde. „Bei einem kürzlich durchgeführten Projekt wurden mehrere physikalische Parameter (Temperatur, Salzgehalt, Windströme, Wärmefluss usw.) aus einer globalen Simulation der ozeanischen Dynamik eines Jahres in 5-Minuten-Intervallen dargestellt. Dank der extrem hohen räumlichen und zeitlichen Auflösung der Visualisierungen können die Wissenschaftler detaillierte Faktoren des Zustroms subtropischen Wassers in den Nordatlantik untersuchen“, erläutert Henze. Welche Datenmengen sind erforderlich, damit ein Modell wie das für die ozeanische Dynamik präzise funktioniert? Für dieses spezielle Projekt hat Henze 70 Terabyte an Daten in die Grafiksysteme gespeist. In Text umgerechnet wäre das etwa 3,5 Mal so viel wie in der gesamten Kongressbibliothek zu finden ist.

Klingt nach viel? Es kommt noch größer! Laut Henze „entwickeln sich Grafikchips nach dem Gesetz von Moore: eine Verdoppelung alle 6 Monate, d. h. 10 Verdoppelungen in 5 Jahren entsprechen einer Vergrößerung um das 1000-fache. 2001 hatte unsere größte Maschine eine Kapazität von 1,2 TFLOPs, heute sind es 62 TFLOPs.“

Zu welchen Schlüssen die NASA durch neue Bildbearbeitungsverfahren hinsichtlich der Klimaerwärmung auch kommt: Zweifellos werden andere Wissenschaftler zu anderen Schlüssen kommen. Wissenschaftler sind sich oft uneins: Sie präsentieren abweichende Daten zur Untermauerung abweichender Thesen und sie kommen durch unterschiedliche Interpretationen derselben Daten zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Das führt in der Öffentlichkeit verständlicherweise zu Verwirrung. Keiner weiß wirklich, wie unterschiedliche Behauptungen zu bewerten sind und wem man letztlich glauben soll. Bei einem Problem wie der Klimaerwärmung können die Konsequenzen katastrophal sein. Immerhin müssen Millionen von Menschen nicht auf Grundlage sichtbarer Phänomene, sondern auf Grundlage wissenschaftlicher Projektionen ihr Verhalten ändern. Um untätig zu bleiben, muss man nicht einmal den Wissenschaftlern glauben, die die globale Erwärmung bestreiten: Verwirrung allein reicht schon, um Untätigkeit hervorzurufen.

Visualisierung von Konsens

Man findet immer mindestens einen Wissenschaftler, der willens ist, eine beliebige Behauptung zu bestreiten. Daher ist es wichtig, nicht nur zu wissen, was einzelne Wissenschaftler denken, sondern was die die Mehrheit der Wissenschaftler denkt. Doch wie lässt sich Konsens unter Wissenschaftlern messen? Traditionell wird eine Umfrage durchgeführt und das Ergebnis veröffentlicht. Diese Methode hat jedoch einige Nachteile: Sie kann viel Zeit in Anspruch nehmen, das Ergebnis kann, je nachdem, welche Wissenschaftler befragt werden, verzerrt sein und, selbst wenn die Meinung der meisten Wissenschaftler bekannt ist, weiß man nicht unbedingt automatisch, warum sie dieser speziellen Meinung sind. Es lässt sich nicht feststellen, auf welche Daten sie ihre Behauptungen gründen.

Interaktive Übersicht

Abb. 8: Interaktive Übersicht basierend auf Artikeln zum Thema „Artensterben“, die zwischen 1981 und 2003 veröffentlicht wurden. Das Diagramm zeigt die Verbindung zwischen den Artikeln und die relative Bedeutung der einzelnen Artikel. Von Chaomei Chen.

Dr. Chaomei Chen, Professor an der Drexel University und Herausgeber des Journals Information Visualization, versucht, die Wissenschaft (oder zumindest wissenschaftliche Literatur) grafisch darzustellen. Er möchte auf diese Weise herausfinden, welche Auffassung Wissenschaftler vertreten und warum sie eine bestimmte Auffassung vertreten. Als Quelle dienen ihm Artikel aus wissenschaftlich überprüften Zeitschriften. Eine von Dr. Chen entwickelte Software visualisiert die Beziehung zwischen wissenschaftlichen Artikeln und den zitierten Quellen. In wissenschaftlichen Beiträgen wird nicht nur neues Material präsentiert, es werden auch frühere Artikel zitiert, die sich mit demselben oder einem ähnlichen Thema beschäftigen oder die der Verfasser für einflussreich und relevant hält.  Und da die Zeitschriften einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen wurden, müssen zumindest auch einige weitere Wissenschaftler der Meinung sein, dass der Artikel einer Veröffentlichung würdig ist. Die Software von Dr. Chen stellt die Beziehung zwischen einzelnen Artikeln zu einem bestimmten Thema her und stellt diese Beziehungen als Linien in verschiedenen Farben dar. Wenn z. B. ein Artikel über globale Erwärmung auf einen anderen Artikel verweist, der sich mit Kohlendioxidemissionen befasst, werden beide Artikel als Punkte dargestellt, die mit einer grünen Linie miteinander verbunden sind. Je öfter ein Artikel in anderen Artikeln zitiert wird, desto größer der Punkt, der diesen Artikel repräsentiert. So lässt sich bequem erkennen, welche Artikel am häufigsten zitiert werden. In der interaktiven Darstellung kann auf die Punkte geklickt werden, wodurch eine bibliografische Referenz zum Auffinden des betreffenden Artikels angezeigt wird.

Artikel mit ähnlichen Themen werden zu Clustern zusammengefasst. So lässt sich z. B. erkennen, dass Hunderte von Artikeln über die globale Erwärmung verfasst wurden, aber nur sehr wenige über eine Abnahme der weltweiten Temperaturen. „Man kann das als eine Art Abstimmungssystem betrachten“, sagt Chen. „Jedes Zitat ist eine Stimme für den Artikel. Beim Aufbau des Diagramms kann man die Entstehung eines Netzwerks verfolgen. Man erkennt, welcher wissenschaftliche Beitrag am häufigsten zitiert und damit für besonders wichtig gehalten wird. Dieses Netzwerk ist quasi eine Momentaufnahme der gängigen wissenschaftlichen Meinung, wie sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in der wissenschaftlichen Literatur niederschlägt.“

Wenn diese Artikel einer Zeitachse zugeordnet werden, wird ein Muster erkennbar, nach dem sich die Wissenschaft in den entsprechenden Fachgebieten gemeinhin entwickelt hat. Damit ist nicht nur erkennbar, worauf sich die besondere Aufmerksamkeit der Fachwelt richtet (Chen spricht hier von einer „Forschungsfront“), es lassen sich auch Bereiche ausmachen, die nur wenig Beachtung finden oder die zuvor einmal populär waren, aber zwischenzeitlich an Interesse eingebüßt haben. Je nach der ausgewählten X- und Y-Achse sieht man, dass sich der wissenschaftliche Fortschritt wie eine Treppe ausnimmt: Es gibt eine Abfolge von Durchbrüchen mit neuen Erkenntnissen anstelle einer langsamen, kontinuierlichen Ansammlung von Wissen, wie vielleicht gemeinhin angenommen wird. Manchmal kommt es zu den erwähnten Interessenverschiebungen, weil neue Daten verfügbar werden, manchmal ist die Ursache aber auch in externen Faktoren zu finden. Die Zerstörungen durch den Hurrikan Katrina haben beispielsweise zu einer wahren Flut von Artikeln über das Zusammenspiel von globaler Erwärmung und extremen Wetterphänomenen geführt. Diese Artikel verweisen vielleicht auf neueste Untersuchungen zu Hurrikans oder sie zitieren andere, die schon Jahre alt sind, deren Erkenntnisse aber durch aktuelle Ereignisse neue Bedeutung gewonnen haben.

Darstellung von Artikeln zur Klimaveränderung

Abb. 9: Darstellung von Artikeln, die zwischen 2000 und 2006 veröffentlicht wurden und sich auf den Klimawandel beziehen. Von Chaomei Chen.

Viele Artikel werden oft schon bald nach ihrer Veröffentlichung von anderen Forschungsarbeiten oder Methodologien überholt. Manche allerdings werden zu Klassikern und werden wieder und wieder zitiert. Dieses Phänomen ist in der obigen Grafik an den breiten Linien zu erkennen, die schleifenförmig in die Vergangenheit verweisen.

Diese Visualisierung lässt uns zwar erkennen, worüber sich Wissenschaftler unterhalten, aber sie lässt uns nicht erkennen, was sie eigentlich aussagen. Nur durch den Blick auf diese Darstellung wissen wir nicht, ob die Wissenschaft die Klimaerwärmung nun tatsächlich für ein Faktum hält oder nicht. Man müsste auf die einzelnen Punkte klicken und die wirklich maßgeblichen Artikel lesen.  „Wir wissen nicht, ob jeder Verfasser mit der Aussage des zitierten Artikels übereinstimmt. Wir wissen nur, dass der häufig zitierte Artikel einen bestimmten Stellenwert als Referenz oder Diskussionsgrundlage hat“, erläutert Chen.

In seinen neuesten Forschungen analysiert Chen Meinungen, die zueinander in Widerspruch stehen. Sein Ziel ist es, darstellen zu können, was genau ein Forschungsbeitrag zu einem Thema aussagt, so etwa: Welche Arbeiten unterstützen die These, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist, und welche gehen davon aus, dass die Veränderungen Teil eines natürlichen Zyklus sind? „Wir werden in der Lage sein, die zu Grunde liegende Struktur der gesamten Debatte zu erkennen. Man weiß dann nicht nur, wie viele Artikel eine bestimmte Sichtweise unterstützen, sondern man sieht auch, welche Beweise die Gegenseite ins Feld führt, um ihre Auffassung zu untermauern.“ Wissenschaftler neigen eher zur Vorsicht und bringen ihre Schlussfolgerungen nur selten ungeschminkt und offen zum Ausdruck. Auch nach der sorgfältigen Lektüre eines Artikels lässt sich oft nur schwer sagen, welche Meinung der Autor nun eigentlich vertritt. Aus diesem Grunde nahm sich Chen Themenbereichen an, bei denen ganz klar entweder positive oder negative Meinungen vorherrschen. Als Ausgangspunkt nahm er die Diskussion über den Bestseller Sakrileg und zog dafür die bei Amazon.com veröffentlichten Kommentare heran.

Hauptgrund für diese überraschende Entscheidung war die Tatsache, dass das Buch ungewöhnlich polarisierte: Die 3000 Personen, die eine Stellungnahme abgaben, waren entweder von dem Buch begeistert oder sie hassten es. Zwischentöne gab es kaum. Ebenso wichtig: Bei Amazon.com kann nicht nur ein schriftlicher Kommentar hinterlegt, sondern auch eine Bewertung in Form von Sternen abgegeben werden. Fünf Sterne bedeuten: Das Buch ist großartig. Ein Stern bedeutet: Das Buch ist fürchterlich. Dieser Umstand war sehr wichtig, denn damit konnten Chen und sein Team die im Text ausgedrückten Meinungen mit der Bewertung in Zusammenhang setzen. Dann ermittelte Chen, welche Begriffe bei einer Fünf-Sterne-Bewertung und welche bei einer Ein-Stern-Bewertung in den schriftlichen Anmerkungen am häufigsten vorkamen.

Cluster zum Buch „Sakrileg“

Abb. 10: Darstellung des Clusters zum Themenbereich „Kunst von Leonardo da Vinci“ und umgebende Cluster aus den positiven Kritiken. Von Chaomei Chen.

Diese Untersuchungen sind von großer Bedeutung, denn sie ermöglichen es Chen letztendlich, nicht nur die Inhalte wissenschaftlicher Publikationen zueinander in Beziehung zu setzen, sondern auch zu ermitteln, ob die betreffenden Artikel einer bestimmten These zustimmen oder sie ablehnen. Auf einen Blick lassen sich damit die Forscher, die eine bestimmte Theorie unterstützen, miteinander vergleichen. Und mit nur einem Mausklick ist es möglich, die Forschungsergebnisse aufzurufen, die sie zur Untermauerung ihrer Meinung heranziehen. Mit etwas Glück kann diese Software die Debatte darüber beenden, ob die Mehrheit der Wissenschaftler eine bestimmte Theorie unterstützt oder nicht. Dadurch wird es Gegnern einer wissenschaftlichen Auffassung erschwert, die Öffentlichkeit zu verwirren und damit in Untätigkeit zu bannen.

In Wort und Bild

Keine andere Disziplin kann die sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren der Klimaerwärmung besser vermitteln als die Visualisierung von Informationen. Die transportierten Botschaften werden sofort erfasst und entfalten eine große Wirkung. Dabei ist es nicht nötig, die Detailgenauigkeit übermäßig einzuschränken, um der Komplexität des Themas gerecht zu werden. Die Visualisierung von Informationen hilft nicht nur Wissenschaftlern und Politikern, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren, sie ist auch ein wichtiges Werkzeug für wissenschaftliche Studien – und zum Studium der Wissenschaft. Es ist bezeichnend, dass es nicht einmal das Medium Film mit der aussagekräftigen Wirkung der Visualisierung aufnehmen konnte. Der Regisseur des Films „An Inconvenient Truth“ (Eine unbequeme Wahrheit), Davis Guggenheim, erzählt: „Ich dachte: Ein Film über eine Grafikpräsentation? Ein Vortrag in Filmform? Das kann ich mir nicht vorstellen! Und dann sah ich diese Präsentation. Die Information ist so beeindruckend! Wir dachten: Was wäre, wenn wir das den Leuten aus erster Hand vermitteln könnten?“

„An Inconvenient Truth“ ist der erste, aber womöglich nicht der letzte populäre Film, in dem eine Live-Präsentation in so prominenter Rolle zur Vermittlung eines komplexen Themenbereichs eingesetzt wurde. Präsentationen, die visualisierte Informationen mit einem live gesprochenen Kommentar kombinieren, entwickeln sich schnell zum gängigen Werkzeug, mit dem Informationen im geschäftlichen, akademischen und militärischen Bereich vermittelt werden. Auf diese Weise müssen keine langatmigen Berichte gelesen werden und das Publikum kann sofort Feedback geben. Mit der Weiterentwicklung von Technologien, die zeitgleiche Übertragungen und Interaktion in Echtzeit ermöglichen, wird die Popularität von Live-Präsentationen noch zunehmen.

Designer, die sich mit der Visualisierung von Informationen befassen, müssen sich aber auf jeden Fall des Zusammenhangs bewusst sein, in dem ihre Bilder gezeigt werden. Al Gore schwingt nicht einfach nur den Hockeyschläger durch das Bild. Nein, die Grafik wird behutsam eingeführt und dann geschickt ins rechte Licht gerückt. „Eine Geschichte wirkt am besten, wenn man eine Entwicklung über einen bestimmten Zeitraum darstellt. Es muss eine Wandlung zu erkennen sein“, so Nancy Duarte. In „An Inconvenient Truth“ ist am eindruckvollsten, als Al Gore über die historischen Werte der Grafik hinausgeht und anhand einer fast senkrecht nach oben verlaufenden Linie verdeutlicht, was geschieht, wenn die aktuellen Trends sich unverändert fortsetzen. Dieser Augenblick ist sehr schön in Szene gesetzt: Die Botschaft wird einerseits dramatisch dargestellt, andererseits aber auch durch das Diagramm und den gesprochenen Kommentar verdeutlicht. Dies ist auch ein Schlüsselmoment in der Geschichte, die Al Gore zu erzählen hat. Schließlich weiß niemand mit absoluter Sicherheit zu sagen, ob der CO2-Ausstoß in dem Maße zunimmt, wie auf der Grafik (oder in diesem Fall jenseits der Grafik) dargestellt, und selbst wenn das der Fall ist, ob die Temperaturen in demselben Umfang ansteigen werden. Aber dank der detaillierten Grafik, die die Voraussagen und die dramatischen Aspekte von Gores Darstellung unterstreicht, folgt das Publikum dem Vortragenden widerstandslos auf dem Weg in die Zukunft. Hier ist es zu der erwähnten Wandlung gekommen: Unbeseelte Daten werden zu Alarmglocken einer Krise.

Weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen finden Sie in folgenden Quellen:

Die Autoren

David Womack ist Verfasser, Lektor und Berater und schreibt Artikel zu Design, Technologie und Kultur für Publikationen wie I.D., Print, Salon.com, Metropolis und Cabinet Magazine. Er war von 2000 bis 2004 Leiter für neue Medien bei AIGA und fungierte als Executive Editor bei GAIN: AIGA Journal of Business and Design sowie als Managing Editor bei VOICE: AIGA Journal of Design. Zusammen mit Steven Heller arbeitet er zurzeit an einem Buch über digitales Design, das 2007 bei Wiley and Sons erscheinen soll.