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Ich sitze auf dem Gipfel des Mount Tamalpais etwa 40 Kilometer nördlich von San Francisco, schweissgebadet und abgekämpft, nachdem ich mich einen 14 Kilometer langen Anstieg auf dem Mountainbike hochgearbeitet habe, geniesse den Ausblick und sinne darüber nach, was mich in zeitlicher und örtlicher Hinsicht hierhergeführt hat. Die Welt der Grafiken, von Multimedia, Web-Design und visuellen Effekten ist in den vergangenen drei Jahren regelrecht explodiert. Sie hat Türen aufgestossen, die bis vor kurzem mit Brettern vernagelt und verriegelt schienen und so von niemandem zu öffnen waren. Die Geburt der kleinen Desktop-Computer brachte den Stein ins Rollen (ich gebe zu, ich bin ein Macintosh-Anhänger, wie er im Buche steht), gab jedem wirklich jedem die Möglichkeit, alles wirklich alles zu kreieren - und das ohne irgendwelche Vorkenntnisse. Zu Anfang bahnte sich das Ende des Althergebrachten an (jeder, der Rang und Namen hatte, verwendete für alles(!) Zapf Chancery und diese schnuckeligen doppelzeiligen Rahmen). Doch die wahren Kreativen kamen nach und nach hinter ihren Zeichenbrettern oder Wachsrollen hervorgekrochen, um das Potenzial dieser wunderbaren Arbeitsmethode mit all ihren Möglichkeiten zu propagieren. Die Typografie wurde wieder zur Kunst erhoben, mit Illustration verband man wieder Originalität und Kreativität (nieder mit den Clip-Arts, sage ich!). Und dann folgte der nächste Schritt. Auch der ist mir in Erinnerung geblieben.
Vor vielen Monden besuchte ich die MacWorld in San Francisco und sah diesen Adobe-Typen von Mikrofonen umgeben, der ein neues Produkt namens Premiere vorstellte. Damals lag mir gar nichts an der Software. Ich hatte nur das laut spielende Musikvideo auf dem Mac-Bildschirm vor mir im Visier. Von da an war ich der Bewegung verfallen! Mir gefiel der Gedanke, für Adobe als freier Demo-Entwickler zu arbeiten... Seitdem haben Premiere und After Effects nicht nur die Motion-Welt, sondern auch mich im Sturm erobert. Man begegnet den beiden überall, auf jedem Rechner, in jeder Arbeitsumgebung. Und das macht das Ganze so grossartig: Wäre es vor drei Jahren etwa denkbar gewesen, dass wir mit einer Hochauflösungskamera an unserem PowerBook, dem schnellsten kleinsten Etwas ohne Beine (mit 100mal mehr RAM als der erste beige Plastikkasten, der unsere Schreibtische schmückte und uns die Möglichkeit gab, gleichzeitig scharf nachzudenken und zu designen), lebendige Bewegung in den Computer bringen, sie dann bearbeiten und mit Motion-Grafiken verzieren konnten, und all das an ein- und demselben Ort? Glauben Sie mir, es beeindruckt mich heute noch. Ich hoffe, dass das auch so bleibt. Die allgegenwärtige Technologie hat transkontinentale Zusammenarbeit möglich gemacht, das Reisen und die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Menschen und Kulturen (und manchen Billig-Geräten!), das Verschicken von Dateien per E-Mail oder ISDN von Stadt zu Stadt, rund um den Erdball ein Workflow buchstäblich ohne Grenzen! Da drängt sich förmlich die Frage auf, wie das früher alles zu schaffen war... Dennoch dürfen wir inmitten dieser unglaublich einfachen, erschwinglichen und beeindruckenden Lösungen nicht aus den Augen verlieren, was wir mit unserer täglichen Arbeit Gestalten, Kreieren, Animieren erreichen wollen: Um unsere Kunden und alle anderen von unseren Fähigkeiten und Ideen zu überzeugen. Um uns selbst davon zu überzeugen, dass all die 20-Stunden-Tage, 150-Stunden-Wochen und die nächtlichen Renderings nicht vergebens waren. Um den Glauben zu gewinnen, dass es die Sache wert war. Aus diesem Grund bin ich hier oben auf dem Berg. Zehn Tage Arbeit in San Francisco für ein preisgekröntes Design-Unternehmen: die Erstellung von Animationen mit After Effects, einer kompletten Web-Site mit GoLive, Illustrator und Photoshop und einer durchweg interaktiven Produkt-CD in Macromedia Director. Die vollkommene Integration der Elemente wieder ein Workflow ohne Grenzen. Genau darum geht es im Augenblick: um den reibungslosesten Arbeitsprozess zur Erreichung seiner Design-Ziele. Mich verwundert immer noch, dass manche Unternehmen ein Produkt an den Mann bringen wollen, das irgendetwas ganz Bestimmtes ganz toll kann (erinnern Sie sich, als QuarkXPress die horizontale Skalierung von Text beherrschte und PageMaker nicht? Meine Güte, wie sich die Zeiten geändert haben!), das ein paar Tausender kostet und zum Beispiel nur auf einem Amiga läuft. Was nun? Ich möchte mein Logo aus Illustrator einbauen und diese kleine Animation aus After Effects, die ich auf meinem Mac erstellt habe. Ich kann aber nicht, weil nichts mit nichts kompatibel ist. Solche Unternehmen fallen auf. Wenn Sie das nächste Mal auf einer Computer-Messe sind, suchen Sie nach dem Unternehmen mit der "nahtlosen Software-Integration" (Sie wissen, an wen ich denke). Dann sehen Sie sich den leeren Stand an. Wenn Sie sie vergeblich suchen, macht nichts ich werde da sein, um sie Ihnen zu zeigen. Fragen Sie ruhig nach mir. Wie ich also hier so sitze und mit Dankbarkeit die Möglichkeiten wahrnehme, die sich mir und vielen anderen in dieser neuen Welt der Motion-Grafiken und Web-Finessen bieten, denke ich auch darüber nach, wie frisch es doch wird, jetzt wo die Sonne sich langsam gen Horizont neigt. Und ich muss ja noch runter nach Stinson Beach und dann zurück in die Stadt über den Highway 1. Zurück in mein Hotel. Zurück zu meinem PowerBook. Zurück an die Arbeit. Tausende von Kilometer entfernt von meiner Heimat, an Animationen und Rendering sitzend, aber mit einem Lächeln auf den Lippen.
Steve Holmes ist freischaffender Experte für Design und Animation. Er erstellt Effekte mit Bewegtbildern, Animationen, ausserdem Web-Sites und Grafik-Designs und leitet Outlaw FX vom ländlichen England aus. Auf Messen arbeitet er regelmässig als Promoter für Adobes Motion- und Web-Produkte und veranstaltet eine ganze Reihe von Fortbildungskursen. Sein E-Mail-Kontakt ist steve@outlawfx.com. Information zum Weiterbildungsprogramm und dem Angebot von Outlaw finden Sie unter www.outlawfx.com. |