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Willkommen im zweiten Teil der Kolumne "Labyrinth der Farben". Während im ersten Teil der Rundflug über den gesamten Irrgarten mit seinen verschiedenen Ortschaften im Mittelpunkt stand, geht es diesmal nur um Grafikstadt. Während die Hauptstrasse in Büro- und Webhausen sRGB heisst, findet man auf grossen Strassenschildern in Grafikstadt den Namen Euroskala. Noch vor wenigen Jahren wurde diese Strasse fast nur vom Kurierdienst Lithoexpress befahren. Am Ortseingang warteten die Kuriere, die Fotos und Grafikdateien entgegennahmen. Es gab wenige Zugänge zur Hautstrasse Euroskala, die fest in den Händen von Firmen wie Linotype-Hell, Crosfield und Dainippon Screen mit ihren Trommelscannern lagen. Der Kurier von Litho-Express liess dort die Fotos scannen und fuhr mit seinen digitalen Daten weiter zum Kreisverkehr mit dem grossen Monitor in der Mitte. In den Anfangstagen von Grafikstadt war der Monitor in festen Händen von einigen sehr noblen Spezialfirmen wie z.B. Scitex mit ihren EBV-Stationen. Heutzutage läuft der gesamte Kreisverkehr unter dem Label Photoshop. Die sehr teure und elitäre Fa. Scitex ist hier faktisch verschwunden. Nach dem Kreisverkehr folgte früher die Ausfahrt "PostScript-Belichtung und Analogproof". Hier endete dann die Kurierfahrt von Lithoexpress. Als Kunde dieser Firma bekam man Filme und Analogproofs und musste für den gesamten Kurierdienst bis zum fertigen Produkt einen hohen Preis zahlen. Dafür konnte man sich dann unbeschwert mit Filmen und Proofs zur grossen Druckerei hinter den sieben Heidelbergen begeben.
Nach und nach siedelten sich am Ortseingang von Grafikstadt andere Firmen an, die den direkten Zutritt zur Hauptstrasse Euroskala ohne Kurierdienst versprachen. "Kaufe einen Flachbettscanner und fahre selber", stand auf den grossen Werbetafeln von Firmen wie AGFA, Microtek oder UMAX. Das Angebot war verlockend, da ein Flachbettscanner doch soviel kostete wie 10 Kurierfahrten mit jeweils 10 Fotos. Schon bei der elften Fahrt hat man die Kosten raus und spart dann richtig. Doch schon beim Kreisverkehr mit dem Monitor kam dann oft die Ernüchterung. Die schönen Vorlagen sahen dort ganz anders aus. Jetzt musste man Ehrenrunden drehen, bis die Farben stimmten. Wer dann in eigener Regie Filme belichten liess und einen Analogproof in Auftrag gab, wurde oft noch böser überrascht. Hatte man doch erst in den Ehrenrunden die Farben im Kreisverkehr am Monitor korrigiert, so sah es auf dem Analogproof wieder anders aus. Also nochmals zurückfahren, Farben korrigieren, Filme belichten und nochmals einen Proof erstellen lassen. Vielen Anwendern war das zu kompliziert. Entnervt gingen Sie mit ihren Vorlagen wieder zum Kurierdienst Lithoexpress und zahlten gutes Geld für ein stressfreies Arbeiten. Das konnten die neuen Firmen am Ortseingang natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Ihr Bestreben war es, ihre Flachbettscanner so zu verbessern, dass sie von sich aus die richtigen Farben für die Hauptstrasse Euroskala lieferten. Keine dieser Firmen hielt es aber für nötig, sich für den Kreisverkehr mit dem Monitor zu engagieren. Auch der Platzhirsch Adobe hielt sich bei der Frage der richtigen Farben im Kreisverkehr weitestgehend heraus. Zwar gibt es inzwischen einige Spezialfirmen, die mit Tools für die Kalibrierung von Monitoren eine zügige Durchfahrt im Kreisverkehr ermöglichen, doch sind diese noch recht unbekannt. In den Ausfahrten tummeln sich inzwischen sehr verschiedene Firmen. Grosse Wegweiser mit der Aufschrift "Digitalproof ist billiger und schneller als Analogproof" sollen die Selbstfahrer in Grafikstadt hierhin locken. Manche halten ihr Versprechen. Andere bieten schöne bunte Ausdrucke, die dann allerdings in der grossen Druckerei hinter den 7 Heidelbergen für böse Überraschungen gesorgt haben. Wer aber die richtigen Einfahrten, den schnellsten Weg durch den Kreisverkehr und die Ausfahrt zum druckverbindlichen Digitalproof kennt, der kommt heutzutage oft genug ohne den teuren Kurierdienst Litho-Express aus. Nach einem kurzen Rundflug über Crossmedia-City in der nächsten Kolumne folgen anschliessend detaillierte Stadtführungen durch Grafikstadt. Themen sind dann: Es grüsst Sie Jan-Peter Homann, ihr Reiseführer durch das Labyrinth der Farben.
Jan-Peter Homann ist Autor des Buches "Digitales Colormanagement" und verfügt über 13 Jahre Erfahrung in der digitalen Farbverarbeitung mit Standard Hard- und Software. Sein Steckenpferd ist Troubleshooting, wenn bezüglich Farbe Dinge passieren, die es eigentlich nicht geben dürfte... |