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Das Labyrinth der Farben

Crossmedia-City – das Chaos auf der Baustelle

Crossmedia-City ist im Vergleich zu Bürohausen und Grafikstadt eine einzige Baustelle ohne zentrale Stadtplanung. Die Lieblingsbeschäftigung der Bauherrn besteht im schnellen Hochziehen ganzer Strassenzüge mit glitzernden Fassaden, auf denen immer wieder das Wort Colormanagement zu finden ist. Imposant anzusehende Marketingexperten versprechen die Lösung aller Farbprobleme, wenn man für viel Geld ihre Strassen und Häuser benutzen will. Fast alle Besucher, die Crossmedia-City von innen gesehen haben, schütteln mit den Köpfen, wenn sie wieder herauskommen. Nirgendwo ist die Diskrepanz der Marktschreier und bunten Fassaden zum tatsächlichen Nutzwert grösser als beim Colormanagement in Crossmedia-City.

Im gesamten grafischen Gewerbe hat diese Stadt den Ruf der uneingelösten Versprechen und wird daher von fast allen Praktikern kräftigst ignoriert. Doch das grafische Gewerbe sollte vorsichtig sein. Schon Mitte der 80er Jahre haben die Satzprofis über Desktop Publishing und die dazugehörigen Versprechungen den Kopf geschüttelt. Wer arbeitet heute dagegen noch mit Satzcomputern von Berthold?
Wenn also eine Technik heute gross beworben wird und nicht hält, was sie verspricht, so kann das in einigen Jahren schon ganz anders aussehen. Daher möchte ich hier über einige Baustellen in Crossmedia-City berichten, die ich für die zukünftige Entwicklung des grafischen Gewerbes für sehr wichtig halte:


Dabei übersehen die Hohe Priester der Bildqualität, dass sRGB längst Einzug in die Produktion gehalten hat.


1. Der Platz der European Color Initiative ECI
Die ECI ist kein Hersteller, der bunte Fassaden auf einen Rohbau setzt, sondern eine Vereinigung von Anwendern, die mit Colormanagement ihre Betriebsabläufe rationalisieren. Vertreten ist die Crème der deutschen Zeitschriftenverlage, Druckereien und Werbeagenturen. Auf dem Webserver der ECI befindet sich im PDF-Format ein Whitepaper zur Nutzung von Colormanagement in der Praxis. Weiterhin führt die ECI Workshops zur Anwendung von Colormanagement durch, die zusammen mit den Verlagen und Druckereien entwickelt wurden.

2. Die sRGB-Autobahn nach Büro- und Webhausen
Im grafischen Gewerbe wird sRGB als Farbraum für die Office- und Webanwender belächelt und abqualifiziert. Dabei übersehen die Hohe Priester der Bildqualität, dass sRGB längst Einzug in die Produktion gehalten hat. Im Bereich der digitalen Bildagenturen ist sRGB inzwischen ein Quasi-Standard. Die weltgrösste Bildagentur Corbis gehört zum grössten Teil Bill Gates. Microsoft wiederum gehört zu den grössten Propagandisten für sRGB.

Schaut man sich den gesamten Markt für digitale Bilder an:

  • sRGB-Bilder im e-commerce
  • sRGB-Bilder in Office-Dokumenten
  • sRGB-Bilder in Bildagenturen
  • CMYK-Bilder im grafischen Gewerbe

Dann wird mit einmal klar, dass die CMYK-basierte Reproduktion nur noch ein Nischenmarkt im digitalen Bildermarkt ist. In dem Masse, wie grosse Firmen beginnen digitale Bilddatenbanken aufzubauen, kommt schon jetzt die Forderung auf, hochwertige Reproduktionen in sRGB anzuliefern und aus dem sRGB-Datenbestand gute Umsetzungen für den Offsetdruck zu liefern. Wer da behauptet, dies sei nicht möglich, der sei auf die Tausenden von digitalen sRGB-Bildern von Corbis, Photodisc und all den anderen Bildagenturen verwiesen, die uns in hochwertigen Druckprodukten täglich begegnen.

3. CIELab als Standard für hochwertige Bildarchive und die Qualitätskontrolle
Der CIELab-Farbraum ist DER Standardfarbraum, wenn es darum geht, die Qualität von Ein- und Ausgabegeräten zu beurteilen. Die FOGRA stellt zum Beispiel den FOGRA Medienkeil CMYK zur Kontrolle von Digitalproofsystemen mit CIELab Messwerten zur Verfügung. Auch im Bereich der hochwertigen Scanner und der Bildarchive im grafischen Gewerbe findet CIELab mehr und mehr Verwendung. Dies wird sich in Zukunft wohl noch verstärken, da immer mehr Anwendungsprogramme CIELab mit 16-Bit Farbtiefe unterstützen oder in der nächsten Version unterstützen werden.

Fazit
Auch wenn im Chaos der Baustellen von Crossmedia-City die bunten Fassaden oft viel mehr vorspiegeln, als zur Zeit schon funktioniert, so ist schon heute für viele Firmen im grafischen Gewerbe Colormanagement als Know-how strategisch äusserst wichtig. Sonst droht den klassischen Lithofirmen das gleiche Ende wie den klassischen Satzfirmen mit ihren Spezial-Workstations Anfang der neunziger Jahre.

Die nächste Kolumne werde ich den Auffahrten in allen drei Ortschaften widmen. Sie erfahren dort, mit welchen Scannern Sie sicher zum Monitor-Kreisverkehr kommen.

Es grüsst Sie herzlichst
Jan-Peter Homann


Jan-Peter Homann ist Autor des Buches "Digitales Colormanagement" und verfügt über 13 Jahre Erfahrung in der digitalen Farbverarbeitung mit Standard Hard- und Software. Sein Steckenpferd ist Troubleshooting, wenn bezüglich Farbe Dinge passieren, die es eigentlich nicht geben dürfte...