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Typotronic
Typografische Fehler vermeiden

Seit Beginn des Desktop Publishing im Jahre 1986 setze ich mich dafür ein, dass die Qualität der Typografie erhalten bleibt. Mit dem Publizieren am Computer starb der Beruf des Setzers aus. Heute wird gelayoutet, gepagemakert und indesignt.

Automatiken in den modernen Gestaltungsprogrammen haben die eintönigen Tätigkeiten des Setzens übernommen: automatischer Randausgleich, Stilvorlagen, Tracking und so weiter. Der künstlerische Part ist aber nach wie vor gefordert. Und es gelten immer noch die alten Regeln guter Typografie. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, möchte ich die 10 häufigsten Typo-Fehler des Publishing kurz vorstellen und die Lösungen dazu nennen.

  1. Gänsefussangeln
    Der häufigste Fehler im DTP-Satz sind die falschen An- und Abführungen. Häufig wird, wie bei einer Schreibmaschine, das Zoll- oder Sekundenzeichen verwendet. Die richtigen Gänsefüsschen unten finden Mac-Benutzer unter Alt + Shift + W, die Abführung unter Alt + 2. Windows-User tippen Alt + 0132 bzw. Alt + 0147.

  2. Zahlenlehre
    Normalziffern in Computer-Fonts sind einheitlich hoch und gleich breit, damit sie in Tabellen sauber untereinander stehen. Schriften mit typografischem Anspruch führen Zahlen mit Unterlängen, Mediävalziffern genannt. Sie fügen sich harmonisch ins Textbild ein. Mediävalziffern sind meist in Expert-Sets enthalten.

  3. Kapitalfehler
    Hervorhebungen im Text NIEMALS in Grossbuchstaben. Ihre einheitliche Höhe SPRENGT das Satzgefüge und STÖRT das Schriftbild. Stattdessen kursive Schnitte einsetzen. Sind Versalwörter unvermeidbar, dann bitte echte Kapitälchen verwenden (engl: Small Caps). Notlösung: falls kein echter Caps-Schnitt vorhanden ist, kann man die Versalien im Brottext auch einen halben oder einen Punkt kleiner setzen.

  4. Bindemittel
    Die Satzwelt kennt drei verschiedene Strichverbindungen: den Divis, den längeren Gedankenstrich und den Geviertstrich. Mac- und Windows-Tastaturen führen den Divis als Standard, während der Gedankenstrich über Alt + Divis (Windows: Alt + 0150) und der Geviertstrich über Alt + Shift + Divis (Windows: alt + 0151) aufgerufen wird.

  5. Hakelei
    Der Ausdruck „Ralf´s PC´s“ enthält drei Fehler: das Apostroph ist keines, sondern ein Akzent, und der Genitiv benötigt ebensowenig ein Häkchen wie die Pluralbildung. Ein Apostroph kennzeichnet den Wegfall eines e oder einer Silbe: Mach’s besser, M’gladbach, ’rübergehen (aber: fürs Wohnzimmer). Mac-Anwender finden das Apostroph unter Alt + Shift + #, Windows-Benutzer unter Alt + 0146.

  6. Fügung
    Die optische oder formale Verbindung von zwei oder drei Buchstaben zu einer einzigen Letter nennt man
    Ligatur. Mac-Fonts enthalten standardmässig die fi- und fl-Ligatur (Alt + Shift + 5, Alt + Shift + L). Mit Ligaturen umgeht man das Berühren von Buchstabenteilen, sie unterstreichen den Wortstamm und verbessern die Lesbarkeit.

  7. Luftnummern
    Zum Gliedern von Ziffern verwendet ein Setzer weder Punkte (10.000) noch Häkchen (10'000), sondern das Spatium, ein 0,5-Punkt-Abstand, den es am Computer nicht gibt: 10 000. Wir behelfen uns mit einer Leerstelle in halber Schriftgrösse.

  8. Blockfreiheit
    Blocksatz ist am Computer zwar schnell hergestellt, damit er gut aussieht, bedarf es typografischer Erfahrung. Löcher im Text durch grosse Wortabstände oder auseinandergezogene Buchstaben stören die Lesbarkeit. Immer gut lesbar ist Flattersatz (breite Flatterzone, kaum Trennungen) oder Rauhsatz (schmale Flatterzone, mehr Trennungen). Die Wortzwischenräume bleiben konstant, und der Text bekommt ein gleichmässiges Grau.

  9. Angelpunkt
    Setzen Sie bei Aufzählungen als Blickfang an den Zeilenanfang das Bullet oder den hochgestellten Punkt statt des Divis -. Sie gehören zu den elementaren Schmuckelementen, und man findet sie am Mac unter Alt + Ü bzw. Alt + Shift + 9, unter Windows Alt + 0149 bzw. Alt + 0183.

  10. Buchstabenkombinat
    Das Hatschek, der umgedrehte Dach-Akzent, markiert in slawischen Sprachen einen Zischlaut oder einen stimmhaften Reibelaut (über dem c bzw. dem z). In Standard-Fonts ist zwar das Häkchen enthalten, nicht aber die kompletten Zeichen. In Ausnahmefällen ist ein Hatschek durch Unterschneiden (bei Versalien mit zusätzlichem Grundlinienversatz) schnell konstruiert.


Jürgen Siebert (41) studierte in Frankfurt am Main Physik. Nach dem Diplom 1985 arbeitete er zunächst als Wissenschaftsjournalist (u.a. FAZ), verfasste sein erstes Buch und siedelte nach Hamburg über. Dort war er 1986 Mitbegründer des Grafikmagazins PAGE, dessen Geschicke er bis 1991 als Chefredakteur lenkte, bevor er nach Berlin ging. Dort war Siebert zunächst zwei Jahre für FSI FontShop International tätig, bevor er 1993 das Marketing für FontShop Deutschland übernahm. Im Jahre 1998 gründete er sein Redaktionsbüro hitext, das auf die Kommunikation visueller und typografischer Themen spezialisiert ist. Jürgen Siebert war 1997 und 1998 Jurymitglied bei Adobes European Design Contest. Er ist Mitherausgeber der Schriftenbibel "FontBook" und des 1999 erschienen Typografie-Bildbandes "emotional_digital".