
Abb. 1 Pompejisches Graffito, 79 n. Chr.

Abb. 2 Frührömische Schrift, Mitte 4. Jh.

Abb. 3 Schottische Handschrift, 9. Jh.

Abb. 4 Karolingische Minuskel, 810 n. Chr.

Abb. 5 Humanistische Minuskel, 1453 n. Chr.

Abb. 6 William Caslon, London, 1728

Abb. 7 Italienische humanistische Minuskel, 1500

Abb. 8 Ludovico degli Arrighi, 1522

Abb. 9 Robert Granjon
Wenn ein Designer eine neue Schrift entwirft, sind bei der Gestaltung des Et-Zeichens (auch bekannt als „kaufmännisches Und“ oder „Ampersand“) keine Grenzen gesetzt. Die hauptsächlich im IT-Bereich verwendete Bezeichnung „Ampersand“ setzt sich übrigens laut Geoffrey Glaisters „Glossary of the Book“ aus and (&) per se and zusammen, was wörtlich so viel heißt wie „(das Zeichen) & steht für (das Wort) und“. Das Zeichen „&“ hat sich aus der Ligatur von ET oder et entwickelt, dem lateinischen Wort für „und“.
Eines der ersten Beispiele des Et-Zeichens taucht auf einem Stück Papyrus auf, das um 45 n. Chr. entstanden ist. Es ist im Stil der frührömischen Kursivschrift in Großbuchstaben geschrieben, typisch für die Handschrift jener Zeit, und bildet die Ligatur ET. Das Beispiel eines Graffitos aus Pompeji aus dem Jahre 79 n. Chr. (Abb. 1) zeigt ebenfalls eine Zusammensetzung der Großbuchstaben E und T in frührömischer Schrift. Spätere Dokumente weisen eine flüssigere, weniger formale Kursivschrift aus Kleinbuchstaben im römischen Stil auf, aus der sich die heutige Kursivschrift entwickelt hat. Die Ligatur für et (Abb. 2) wird im Laufe der Jahrhunderte immer häufiger verwendet. Ursprünglich hat sich die Zusammenschreibung der Großbuchstaben E und T aus einer schnellen Schreibweise ergeben. In späteren kalligrafischen Manuskripten ist das geschwungene E in der Mitte durch eine fliessende horizontale Linie mit dem T verbunden. Mit der Zeit verschmelzen die eng verbundenen Buchstaben zu einem Zeichen (Abb. 3). Als Schriftgelehrte um 775 n. Chr. die karolingische Minuskel entwickeln, hat sich die Ligatur längst als Ersatz für „und“ durchgesetzt (Abb. 4). Je nach Schreibgeschwindigkeit oder Perfektionsanspruch des Schreibers erscheint ab dem 8. Jahrhundert die Buchstabenkombination E und T in unterschiedlichen Darstellungen, bis im frühen 15. Jahrhundert der Buchdruck erfunden wird (Abb. 5).
Beim linken Teil des Et-Zeichens handelt es sich entweder um ein kleines oder ein großes E, das aus zwei Halbkreisen besteht. Der schräge Aufwärtsstrich, der oft tropfenförmig ausläuft (Abb. 6), könnte ein Überbleibsel des Horizontalbalkens von „E“ oder „e“ sein oder sich aus der Verbindungslinie zum T entwickelt haben. Kalligrafen bevorzugten solche Buchstabenverbindungen, da sie den Schreibfluss förderten. Im Vergleich zur Kursivform ist das T bei der römischen Version des Et-Zeichen kaum noch zu erkennen (Abb. 7).
Heute gehört das Zeichen „&“ zum Design jeder neuen Schriftart und hat in jedem lateinischen Zeichensatz seinen festen Platz. Es gibt zahlreiche Variationen des Et-Zeichens, vor allem in Kursivschrift. Während das im römischen Stil gehaltene Et-Zeichen eher geradlinig anmutet, weist es in Kursivschrift lebhaftere Formen auf, was auf den Einfluss der Kalligrafie zurückzuführen ist. Manche Schriften haben besonders schöne Et-Zeichen. In Abbildung 10 sehen Sie kursive Et-Zeichen für die Schriftarten Garamond, Minion, Janson, Meridien, Baskerville und Caslon. Seit Entstehung der Egyptienne- und Groteskschriften im 19. Jahrhundert ziehen Schriften-Designer meist die römische Version des Et-Zeichens sowohl in kursiver als auch in lateinischer Schrift vor (Abb. 11).
Es gibt viele interessante Versionen des Et-Zeichens, z. B. von Ludovico degli Arrighi, einem talentierten Schriftgelehrten der Renaissance (Abb. 8), und Robert Granjon, einem bedeutenden französischen Vertreter seiner Zunft im 16. Jahrhundert (Abb. 9). Die neue Schriftfamilie Poetica, die Robert Slimbach für Adobe auf der Grundlage von Cancelleresca entworfen hat, einem Handelsschriftbild der italienischen Renaissance, bietet mit 58 Variationen eine üppige Auswahl an Et-Zeichen (Abb. 12).
Das Et-Zeichen wird je nach Sprache unterschiedlich eingesetzt. In englischen und französischen Texten kann das Et-Zeichen die Wörter and bzw. et ersetzen, wobei innerhalb desselben Texts sowohl das Zeichen als auch das ausgeschriebene Wort verwendet werden kann. Im Deutschen ist das Et-Zeichen nur in Firmennamen zulässig, die aus zwei oder mehr Namen bestehen. Der deutschen Rechtschreibung zufolge darf es im Fließtext nicht verwendet werden. Aufgrund seiner kalligrafischen Qualitäten ist das Et-Zeichen jedoch ein wirkungsvolles Design-Element, das in allen Sprachen zur ansprechenden Gestaltung von Text beiträgt.
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Abb. 12
Max Caflisch, Schöpfer des Schriftbilds Columna, Typograf, Berater und Autor, war 20 Jahre lang als Leiter des Grafik-Studiengangs und als Fachlehrer für Typografie bei der Kunstgewerbeschule Zürich angestellt. Seine preisgekrönten Buch-Designs sind weltweit anerkannt.
Jean Mallon, Robert Marichal, Charles Perrat: L'Ecriture latine de la capitale romaine a la minuscule. Arts et Metiers. Paris, 1939.
Geoffrey Ashall Glaister: Glossary of the Book. George Allen and Unwin Ltd. London, 1960.
Jan Tschichold: Formenwandlungen der Et-Zeichen. D. Stempel AG. Frankfurt am Main, o.J.
ABC. Blätter für die Freunde der Bauerschen Gießerei, Nr. 7. Frankfurt am Main, November 1955.