Wie KI kreatives Denken im Unterricht und darüber hinaus fördern kann.
Seit vielen Jahren gilt personalisiertes Lernen unter Lehrenden als Ideal, um die Ausbildung exakt auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Lernenden zuzuschneiden. Dank der Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz wird diese Vision nun Realität. KI besitzt das Potenzial, den Unterricht grundlegend zu verändern, indem sie maßgeschneiderte Lernerfahrungen ermöglicht, die sich an den persönlichen Stärken, Interessen und Bedürfnissen orientieren.
Gleichzeitig wird immer mehr Wert darauf gelegt, Kreativität und Authentizität bei den Arbeiten der Lernenden zu fördern. Hier kann KI eine Schlüsselrolle einnehmen und den kreativen Prozess unterstützen – von der ersten Ideenfindung bis zum Feinschliff von Projekten. Indem KI diesen Prozess greifbarer und zugänglicher macht, hilft sie Lernenden dabei, Hürden zu überwinden und ihre ganz eigenen Perspektiven zum Ausdruck zu bringen. Dieser Ansatz steigert nicht nur die Motivation, sondern bereitet die Lernenden auch auf eine Zukunft vor, in der kreatives Denken und Problemlösungskompetenz unverzichtbar sind.
EdSurge: Wie lässt sich KI im Unterricht sicher und verantwortungsvoll nutzen, um individueller auf die Lernenden einzugehen?
Johnsrud: Vom personalisierten Lernen träumen wir schon seit Jahrzehnten. Am Anfang ging es vor allem darum, den richtigen Stoff zur richtigen Zeit an den richtigen Lernenden zu bringen. Dank KI sind wir jetzt in Phase zwei. Heute personalisieren wir nicht mehr nur die Inhalte, sondern auch die Art und Weise, wie Lernende zeigen, was sie gelernt haben. Kreativität lebt schließlich von Einzigartigkeit. Wenn wir wollen, dass Lernende selbstständig und kreativ denken, dann müssen 30 Hausarbeiten von 30 verschiedenen Lernenden am Ende auch völlig unterschiedlich aussehen.
Damit der Einsatz von KI sicher und verantwortungsvoll abläuft, achten Schulen momentan auf ganz bestimmte Kriterien. Der erste Schritt: Man muss sich fragen, ob das KI-Tool überhaupt speziell für die Schule entwickelt wurde. Wenn ein Programm nicht für den Unterricht gedacht ist, hilft es meistens auch nicht dabei, das Lernen wirklich zu verbessern.Es bringt dann nicht unbedingt die nötigen pädagogischen Elemente mit oder bietet die Barrierefreiheit und die Integrationen in andere Bildungstechnologien, die notwendig sind.
„Prüfe, ob das KI-Tool tatsächlich speziell für den Bildungsbereich entwickelt wurde. Wenn es nicht für den Unterricht gemacht wurde, wurde es wahrscheinlich nicht entwickelt, um das Lernen zu verbessern. Es wird nicht zwangsläufig die pädagogischen Komponenten integriert haben oder die Barrierefreiheit und anderen EdTech-Integrationen bieten, die du benötigst.“
Brian Johnsrud
Director of Education Learning and Advocacy, Adobe
Auf welche Weise hilft KI dabei, Kreativität zu fördern und gleichzeitig sicherzustellen, dass Arbeiten von Lernenden authentisch bleiben?
KI kann jeden Teil des kreativen Prozesses unterstützen. Wenn ein Lernender beim Brainstorming feststeckt, kann KI dabei helfen, mehrere Ideen zu generieren. Wenn ein anderer Lernender gut im Brainstorming ist, aber Hilfe beim Verfeinern seiner Arbeit benötigt, kann KI als Gedankenpartner fungieren und Kritik liefern. Das ist das Spannende an KI, die für Kreativität entwickelt wurde! Sie macht die Schritte des kreativen Prozesses explizit und hilft Lernenden dabei, Hindernisse zu überwinden. Sie nimmt die Angst vor dem leeren Blatt Papier.
Ich hoffe, dass KI dabei hilft, den Schwerpunkt von Lehrenden als Content-Ersteller hin zu Lernenden in dieser Rolle zu verlagern. Ein Beispiel aus meiner Zeit als Geschichtslehrer: Anstatt Schüler zu bitten, einen Absatz über Kontinuität und Wandel in einer historischen Epoche zu schreiben, könntest du sie eine Epoche wählen lassen, ein Thema auswählen, das Kontinuität zeigt, und ein imaginäres Propagandaposter aus dieser Zeit gestalten lassen. Die Vorteile dieser kreativen Aufgabe sind für jede Pädagogin und jeden Pädagogen klar erkennbar. Aber bei strengen Standards und einem vollen Lehrplan ist es herausfordernd, zwei Wochen dafür zu investieren. Die gute Nachricht ist: Mit KI könntest du diese Aufgabe in nur 30 Minuten während des Unterrichts abschließen.
Interessant ist, dass wir im Zeitalter der KI mehr denn je nach Authentizität streben. KI-Tools gehen über den einfachen „Prompt eingeben und Ergebnis erhalten“-Ansatz hinaus. Sie werden zu einem festen Bestandteil unserer kreativen Arbeitsabläufe und ermöglichen es uns, unsere besten Ideen zum Leben zu erwecken und uns authentischer auszudrücken. Das Ziel ist nicht, dass die KI die Arbeit für uns erledigt, sondern dass sie uns dabei hilft, authentischeren und bedeutungsvolleren Content zu erstellen, damit wir zu wirkungsvollen Storrytellern werden. Als Lehrender solltest du die einzigartige Stimme jedes Lernenden in den Arbeiten erkennen können, die sie oder er produziert.
„Das Ziel ist nicht, dass die KI die Arbeit für uns erledigt, sondern dass sie uns dabei hilft, authentischeren und bedeutungsvolleren Content zu erstellen, damit wir zu wirkungsvollen Storytellern werden.“
Brian Johnsrud
Director of Education Learning and Advocacy, Adobe
Wie bereiten KI-Kompetenz und kreatives Denken Lernende auf die Anforderungen des zukünftigen Arbeitsmarktes vor?
Innerhalb weniger Jahre sind KI-Fähigkeiten unverzichtbar geworden. Der Work Trend Index Report 2024 ergab, dass 66 Prozent der Branchenführer niemanden ohne KI-Kenntnisse einstellen würden. Erstaunlich, wie schnell das zu einem Ausschlusskriterium bei Einstellungen geworden ist. In derselben Studie gaben 71 Prozent der Führungskräfte an, dass sie eher eine weniger erfahrene Person mit KI-Kenntnissen einstellen würden als eine erfahrenere ohne diese Fähigkeiten. Für Lernende bedeutet das, dass sie durch KI-Kompetenzen die mangelnde Berufserfahrung im Vergleich zu erfahrenen Fachkräften ausgleichen können.
Gleichzeitig sind auch Kreativität und kreatives Denken sehr gefragt. Der Future of Jobs Report 2023 des Weltwirtschaftsforums hob kreatives Denken als Top-Kompetenz für die Zukunft hervor. Die Creator-Economy boomt – allein 2023 entstanden in den Vereinigten Staaten 200.000 neue kreative Arbeitsplätze. Lernende, die KI-Kenntnisse mit kreativem Problemlösen kombinieren können, eröffnen sich beeindruckende Chancen.
Untersuchungen haben gezeigt: Je mehr Raum Lernende für eigene kreative Ideen haben, desto erfolgreicher sind sie. Und KI eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die kreative Entfaltung. Ein Gallup-Bericht aus dem Jahr 2019 kam zu dem Ergebnis, dass Lehrkräfte, die gezielt auf Kreativität setzen und Technologie auf innovative Weise nutzen, deutliche Fortschritte erzielen. Die Lernenden sind motivierter, zeigen besseres kritisches Denken, behalten das Gelernte länger, verknüpfen verschiedene Fachbereiche miteinander und lernen nachhaltiger. Für Lehrende wiederum ist es unglaublich erfüllend, die Begeisterung und den Stolz der Lernenden auf ihre eigene Arbeit miterleben zu dürfen – besonders in Zeiten, in denen das Burnout-Risiko im Lehrberuf extrem hoch ist.
Wie können Lehrende kreatives Denken problemlos in ihre Unterrichtsstunden einbauen?
Beginne damit, Bereiche in deinem Lehrplan zu identifizieren, in denen sich die Lernenden intensiv mit einem Konzept auseinandersetzen oder ihr Verständnis vollständig unter Beweis stellen müssen. Das sind die entscheidenden Momente, in denen kreative Aktivitäten traditionelle Methoden wie Mitschreiben oder Multiple-Choice-Fragen ersetzen können und deutlich umfassendere und tiefgreifendere Lernergebnisse erzielen.
Dieser Artikel wurde ursprünglich auf EdSurge veröffentlicht.