Verschluss- und Belichtungszeit – Grundlagen der Fotografie

Erlerne das Wichtigste dieses grundlegenden Prinzips der Fotografie und die kreativen Möglichkeiten, die es dir eröffnet.

Verschwommene Balletttänzer auf der Bühne

Die Fotografie hat seine Wurzeln sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft. Das klingt zunächst vielleicht auf doppelte Weise einschüchternd. Sobald du aber die Grundlagen der beiden Aspekte verstanden hast, kannst du sie kombinieren und deine Kreativität schier unbegrenzt ausleben. Die Verschlusszeit ist dafür ein gutes Beispiel. Man muss sich dabei mit technischen Aspekten auseinandersetzen. Wenn du aber weißt, wie du die Verschlusszeit einsetzen kannst, wird es dir leichtfallen, sowohl vollkommen scharfe Sportaufnahmen zu meistern als auch samtweiche Bewegungsfotos eines Wasserfalls zu machen.

 

Was ist die Verschlusszeit?

Die Verschlusszeit ist, wie der Name schon sagt, die Zeit vom Auslösen bis zum Verschließen des Kameraverschlusses. Eine kurze Verschlusszeit führt zu einer kurzen Belichtungszeit – die Zeit, in der die Kamera das Licht einfängt. Mit langer Verschlusszeit fällt viel Licht in die Kamera.

Drei spielende Hunde im Park
Blaue und rote Autobahnlichter bei Nacht

„Mit der Verschlusszeit erreicht man zweierlei. Erstens: Du kannst damit gewissermaßen die Zeit anhalten“, erklärt der Autor und Fotograf Jeff Carlson. „Der Verschluss kann sich schnell schließen und du erhältst eine Aufnahme des genauen Augenblicks.“

 

„Wählst du dagegen eine sehr lange Verschlusszeit, fängt die Kamera sehr viel mehr Licht ein“, sagt Carlson. „In dunklen Umgebungen braucht man beispielsweise eine längere Belichtungszeit, damit das Bild nicht unterbelichtet wird – und man erreicht diese mit einer längeren Verschlusszeit.“

 

Die Herausforderung der richtigen Verschlusszeit

Entscheidend für die Wahl der richtigen Verschlusszeit sind die Faktoren Licht und Bewegung. Ein länger geöffneter Verschluss lässt mehr Licht einfallen. Das kann die Aufnahme aber auch in ungewollter Weise beeinträchtigen.

 

„Das Problem: Ist der Verschluss länger geöffnet, werden alle sich bewegenden Motive des Bildes zunehmend unschärfer.“

 

„Das Problem: Ist der Verschluss länger geöffnet, werden alle sich bewegenden Motive des Bildes zunehmend unschärfer“, gibt der Fotograf, Autor und Lehrer Ben Long zum Thema Verwackeln zu bedenken. „Ein weiteres Problem: Längere Verschlusszeiten und das Bewegen der Kamera. Es ist vollkommen menschlich, es lässt sich nicht verhindern.“

 

Mit langen Verschlusszeiten fängst du mehr Licht einer schlecht beleuchteten Szene ein, weil mehr Licht durch das Objektiv fällt. Dagegen öffnet sich bei kurzer Verschlusszeit der Verschluss nur für sehr kurze Zeit, sodass weniger Licht durch das Objektiv dringt. Das macht die Schwierigkeit der Fotografie bei schlechter Ausleuchtung deutlich. Und betont die Bedeutung einer gut ausgeleuchteten Szene. Achte beim Fotografieren darauf, um zu verhindern, dass du am Ende nur sehr dunkle Aufnahmen hast und dein Motiv überhaupt nicht zur Geltung kommt. 

 

Die richtige Wahl der Verschlusszeit ist entscheidend, wenn du bestimmte Augenblicke einfangen möchtest, besonders bei sich schnell bewegenden Motiven.

Springende Gazelle in der Steppe

„Vor ein paar Monaten habe ich Geparden bei der Jagd fotografiert“, erzählt die Tierfotografin und New York Times-Bestsellerautorin Carli Davidson. „Man hat keine Möglichkeit zu sagen: ‚Könnt ihr das bitte nochmal machen? Alles noch einmal etwas langsamer? Leider habe ich eine zu lange Verschlusszeit gewählt und jetzt ist mein Bild verschwommen‘.“

 

Experimentiere mit der Verschlusszeit, bevor du deine Fotosession beginnst. So beherrschst du diese wichtige Grundlage und kannst sie richtig anwenden, wenn es soweit ist.

 

Mit der Verschlusszeit die Zeit anhalten

Wenn du Bewegungsunschärfe d.h. das Verschwimmen durch die Bewegung des Motivs oder der Kamera bei langer Belichtungszeit/Verschlusszeit – verhindern möchtest, musst du mit kurzer Verschlusszeit arbeiten und gleichsam die Zeit anhalten.

 

„Jeder weiß, dass Zweijährige niemals stillstehen“, sagt Carlson. „Um unscharfe, verwackelte Fotos zu verhindern, musst du also mit kurzer Verschlusszeit arbeiten.“ 

 

Es geht aber beileibe nicht nur darum, Bewegungsunschärfe zu vermeiden. Mit kurzen Verschlusszeiten kannst du einen Augenblick regelrecht für die Nachwelt einfrieren. 

 

„Es geht dabei darum, warum man das Foto überhaupt macht“, erklärt der Fotograf und Designer Shawn Ingersoll. „Willst du die Bewegung einfangen? Oder willst du den Bruchteil einer Sekunde in der Bewegung so festhalten, als würde sich tatsächlich gar nichts bewegen? Wie beim berühmten Stein, der in einen Teich fällt: Einen Sekundenbruchteil lang siehst du, wie das Wasser dabei in die Luft geschleudert wird.“

 

Wasser: Ein Element, das so still wie ein Tautropfen oder so kraftvoll wie ein Tsunami sein kann. Ein perfektes Beispiel für die unterschiedlichen Geschichten, die du mit der Verschlusszeit erzählen kannst. 

 

„Sagen wir, du stehst in der Dämmerung am Meer. Du versuchst es mit einer langen Verschlusszeit: 30 Sekunden.“, schlägt Carlson vor. „Du fängst also das wenige vorhandene Licht ein, ansonsten wäre das Foto einfach dunkel. Die Wellen fließen dadurch weich ineinander und man bekommt beim Wasser diesen weichgezeichneten, glasartigen Effekt.“

 

Andererseits kannst du denselben Meerblick mit einem Schnappschuss bei sehr kurzer Verschlusszeit einfangen und dadurch etwa eine brechende Welle oder das Tosen der Wellen bei bewegter See darstellen. Hier zeigt sich, wie ein Fotograf durch die Wahl der technisch angemessenen Einstellungen kreative Möglichkeiten erschließen kann.

Kleiner Fluss fließt ins Meer
Strand bei untergehender Sonne

Mit langen Verschlusszeiten Bewegung ins Bild bringen

„Früher habe ich Basketballaufnahmen in einer dunklen Turnhalle gemacht“, erinnert sich die Journalistin und Hochzeitsfotografin Anna Goellner. „Um die richtige Belichtung zu erreichen, musste ich die Verschlusszeit manchmal bis auf 1/50 Sekunde verlängern. Allerdings führte das dazu, dass ich immer Bewegung in den Fotos hatte, das wollte ich aber nicht. In der Sportfotografie will man scharfe Bilder.“

 

Wenn du scharfe, vollkommen fokussierte Bilder zum Ziel hast, etwa den Gesichtsausdruck eines Sportlers beim Siegtreffer, musst du mit kurzen Verschlusszeiten arbeiten, also ein sich bewegendes Motiv einfrieren. Durch dieses Einfrieren erzählst du eine Geschichte über genau diesen Moment. Allerdings können solche Aufnahmen, die die Zeit anhalten und Bewegungen ausblenden, auch hinderlich für die Geschichte sein, die man erzählen will.

 

„Wenn eine Mannschaft schon einen großen Vorsprung hatte oder ich schon gute Bilder im Kasten hatte, fing ich an, mit Bewegung zu spielen“, fährt Goellner fort. „ Ich folgte also beispielsweise einem Footballspieler bei seinem Sprint über das Spielfeld und versuchte, die Bewegung einzufangen. Es macht großen Spaß, die künstlerischen Möglichkeiten solcher Experimente auszuloten. Man kann beim Sport durchaus Bewegung einfangen, wenn man mit der Verschlusszeit spielt“, so Goellner weiter.

Abstoß im American Football

Eine Geschichte erzählen oder ein Geschehen einfangen, das über einen Moment hinausgeht – das funktioniert mit einer langen Verschlusszeit. Manchmal ist das sogar notwendig. 

 

„Wenn ich an der Rennstrecke bin und ein Formel-1-Rennwagen mit 300 km/h an mir vorbeifährt“, erzählt Long, „und ich ein Bild mit einer Verschlusszeit von 1/8000 Sekunde mache, um die Bewegung einzufangen, sieht das auf dem fertigen Bild aus, als hätte ich ein geparktes Auto fotografiert. Ich vermittle dem Betrachter keinerlei Gefühl für diesen realen Augenblick. Dass das Auto nur so an mir vorbeiflog, kommt überhaupt nicht rüber.“ 

 

„Wenn ich stattdessen eine längere Verschlusszeit wähle und die Kamera ein wenig mitwandern lasse, wenn das Auto durch den Bildrahmen fährt“, ergänzt Long, „ist das Auto auf dem Bild zwar etwas verschwommen, der Hintergrund aber wird völlig unscharf. Man sieht dann, dass das Auto sich tatsächlich mit 300 km/h bewegt. Mit dieser kreativen Entscheidung kann ich in genau dem Augenblick also einen viel besseren Eindruck des realen Geschehens vermitteln.“ 

 

So wählst du die richtige Verschlusszeit

Frage dich: „Was für ein Foto will ich machen?“ Bei der Wahl der Verschlusszeit musst du bereits das fertige Bild vor Augen haben.

 

„Wenn du einen Wasserfall mit gewöhnlicher Verschlusszeit aufnimmst, ‚frierst‘ du das Wasser ein und kannst die Strukturen sehr gut zeigen“, sagt Carlson. „Aber es gibt eben auch Bilder von Wasserfällen, bei denen das Wasser glatt und geschmeidig wirkt“, sagt Carlson. Das ist ein attraktiver und sehr einfach zu erzielender Effekt. Du musst nur dafür sorgen, dass sich die Kamera nicht bewegt und eine lange Verschlusszeit wählen. All diese kleinen Details des herabfließenden Wassers gehen ineinander über und du bekommst diesen speziellen Anblick.“

Felsen unter einem Wasserfall

Mit der Verschlusszeit kannst du als Fotograf mit Bewegung spielen oder sie „einfrieren“ und so eine Geschichte erzählen oder eine Stimmung einfangen. Egal, ob du einen Schnappschuss mit kurzer Verschlusszeit machst oder Bewegungen deiner Motive mit langer Verschlusszeit einfängst: Du eröffnest dir damit erzählerische Möglichkeiten. Willst du einen Augenblick einfangen oder darstellen, wie wir Menschen einen Augenblick wahrnehmen? Oder willst du gar die besondere Energie des Augenblicks vermitteln und weniger die Details zeigen? All diese Möglichkeiten bieten sich dir, wenn du den richtigen Einsatz der Verschlusszeit beherrschst. 

 

Natürlich hilft dir das technische Hintergrundwissen bei der Perfektionierung deiner Kenntnisse, aber aufbauen kannst du diese Fähigkeiten nur durch ständige Übung.

 

„Natürlich ist das theoretische Verständnis der fotografischen Technik wichtig“, erklärt Davidson. „Das ganze aber mit praktischem Wissen zu verbinden und immer wieder auszuprobieren und zu üben, darin liegt das Geheimnis.“

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